Probelesen

Plötzlich konnte Alexandra es in ihrer Stube nicht mehr aushalten. Sie sprang auf und rannte davon. Draußen war es sonnig und warm. Sie lief über den Hof, dem Wald zu. Sie überquerte eine große Wiese, und bald war sie am Waldrand angelangt. Der Himmel war wolkenlos, und eine wunderbare Ruhe umgab sie. Am Waldrand setzte sie sich nieder und atmete den frischen Tannenduft tief in ihre Lungen ein. Daß sie auf dem feuchten mit Moos bedeckten Boden saß, spürte sie gar nicht. Sie genoß die Stille wie etwas wunderbares. Schmetterlinge schwirrten um sie herum.
Ganz langsam wich die Unruhe von ihr. Ihr Gesicht entspannte sich, und sie blickte auf den See hinüber, wo sie oft mit Christian gesessen hatte. Ein versonnenes Lächeln lag um ihren Mund, und ihre Augen blickten verträumt. Er liebte sie und sie ihn, aber sie konnte nicht an die Erfüllung glauben, dafür standen zu viele Hindernisse im Weg. War es nicht besser, ihn zu vergessen? Aber wie? Ihr Herz tat auf einmal weh, und ihre Augen blickten traurig. Da zuckte sie plötzlich zusammen. Ein dürrer Ast knackte neben ihr unter dem Fuß eines Menschen. Ungläubig starrte sie in Christians glückliche Augen. "Christian“, flüsterte sie.
"Hast du sonst jemand erwartet“, fragte er lachend, während er sie vom Boden hoch zog und in die Arme nahm. "Das ist schon das zweite mal, daß ich dich hier finde.“ Sie strahlte ihn aus ihren blauen Augen an. "Ich freue mich so, daß du da bist", sagte sie zärtlich. "Alexandra", fragte er, "wollen wir drüben zum Gasthof gehen und etwas trinken. Auf der Terrasse kann man wunderbar in der Sonne sitzen." Zweifelnd blickte sie ihn an. "Was geschieht, wenn uns jemand sieht?"
"Mir ist es gleich, ich habe diese Heimlichkeiten gründlich satt."
"Und deine Eltern, was werden sie sagen?"
"Sie müssen sich damit abfinden, daß ich erwachsen bin, und nicht mehr nach ihrer Pfeife tanze." Er zog sie fester an seine Brust und sah ihr in die Augen. "Komm mein Liebling, gehen wir."
Sie liefen durch den Wald wie zwei übermütige Kinder. Immer wieder blieben sie stehen und küßten sich. "Bist du glücklich?" fragte er sie. "Unsagbar glücklich" kam es wie ein Hauch von ihren Lippen.
Bald standen sie vor dem Gasthof. Alexandra zupfte ihr Kleid zurecht und fuhr sich mit den Fingern durch die Locken. "Ich bin sehr stolz auf dich, mein Schatz", sagte er zärtlich. "Für mich bist du die Allerschönste." Sie sah ihn mit leuchtenden Augen an und drückte seine Hand. Die Terrasse war ziemlich besetzt, doch die Kellnerin fand noch einen leeren Tisch für sie und nahm ihre Bestellung auf. Alexandra wagte nicht sich umzuschauen.
Christian beobachtete sie. "Hast du Angst", neckte er sie. "Ein wenig, weil es Unannehmlichkeiten geben kann."
"Unsinn", sagte er. "Mach dir keine Sorgen, ich will nicht immer Versteck spielen. Gefällt es dir wenigstens hier, mein Liebling?"
"Doch, es ist sehr schön hier, die herrliche Landschaft ringsum und die Sonne scheint besonders schön."
"Unsere Heimat ist überhaupt wunderschön, und ich möchte sonst nirgends wo anders leben."

Alexandras Blick hatte sich plötzlich verdunkelt. Sekundenlang dachte sie wieder daran, welche Schwierigkeiten ihre Verbindung mit Christian heraufbeschwören würden. Ihr Blick wanderte zu Christian. Aus seinen Augen strahlte ihr seine große Liebe entgegen. Als könnte er ihre Gedanken lesen, umschlossen seine Hände die ihrigen mit festem Druck. Sein Blick sagte ihr, wir werden es schon schaffen.
Sie hatten alles um sich herum vergessen, so sehr waren sie mit sich selbst und ihrer Liebe beschäftigt. Erst als ein großer Schatten über ihren Tisch fiel, sahen beide hoch. Ein großer breiter Mann mit einem kugelrunden Bauch und einem knallroten Gesicht sah auf sie herab. Sein Atem ging schwer. Es hatte ihm große Mühe bereitet, bei dieser Hitze die Treppe zur Terrasse zu erklimmen. Hinter seinem breiten Rücken tauchte ein junges Mädchen auf, Margarete von Erlenbach, seine Tochter.
Alexandra und Christian gerieten etwas aus der Fassung, "verdammt", knurrte Christian.
"Nanu", brummte Herr von Erlenbach, "Christian von Henkel in Begleitung einer jungen Dame?" Er blickte auf Alexandra und sein Blick verdüsterte sich. Eine steile Falte bildete sich über seiner Nasenwurzel. Auch Margarete maß Alexandra mit einem hochmütigen Blick. Man konnte ihre Gedanken direkt von ihrer Stirn ablesen, und in ihren Augen stand geschrieben, was sie dachte: Du armseliges Geschöpf, mir der hochgeachteten Margarete von Erlenbach kannst du nicht das Wasser reichen, und ich werde dich besiegen.
Beide ließen sich am Nebentisch nieder. Herr von Erlenbach, der mit dem Rücken zu den beiden saß, wandte sich um zu Christian. "Wir haben einen Spaziergang gemacht, aber für mich war es bei der Hitze etwas zu anstrengend." Immer wieder wischte er sich mit dem Taschentuch über die schweißnasse Stirn. Margarete saß steif auf ihrem Stuhl und sah geflissentlich an den beiden vorbei.
Alexandras ganze Freude an dem Ausflug war verschwunden. Ihr hübsches Gesicht, das gerade noch gestrahlt hatte, wirkte ernst und verschlossen. Auch Christians Gesicht hatte sich verdüstert. Das Zusammentreffen mit den Erlenbachs schien ihn ziemlich aus der Fassung gebracht zu haben. "Gehen wir", fragte er sein Gegenüber, nachdem sie nur noch schweigend dasaßen. Sie nickte mit dem Kopf. Er rief die Bedienung herbei und zahlte, dann standen sie auf. Einen angenehmen Tag noch sagte er zu den beiden. Eilig gingen sie die Stufen der Terrasse hinunter. Christian hätte gern seinen Arm um Alexandra gelegt, aber da er den Blick der beiden im Rücken spürte, tat er es nicht.
Erst als sie außer Sichtweite waren, wagte er es. "Was passiert jetzt", fragte sie ihn und sah ihn ängstlich an. "Was soll schon passieren", tat er gleichgültig. "Ich heirate Margarete sowieso nicht, und ich habe ihr nie irgendwelche Hoffnungen gemacht. Ich liebe sie nicht, ich liebe nur dich." Alexandra schluckte die aufkeimenden Tränen hinunter und lächelte ihm zu. "Ich liebe dich auch", und der Kummer schwand aus ihrem Gesicht. "Es ist noch früh", sagte Christian, "laß uns dort oben auf den Hügel steigen. Von da oben haben wir eine herrliche Aussicht über das ganze Tal." Er nahm sie bei der Hand, und sie kletterten gemeinsam hoch. Da oben angekommen setzten sie sich auf einen großen Felsbrocken. Hinter ihrem Rücken befand sich eine kleine Höhle. "Komm, wir gehen da hinein", sagte er, "sie ist ein gutes Versteck für jemand, der nicht gefunden werden will."
"Woher kennst du dieses Plätzchen?"
"Als Junge kletterte ich oft hier herauf, da entdeckte ich diese Höhle, ich schlüpfte hinein, wenn es regnete und stürmte."
Sie setzten sich wieder hin und blickten ins Tal hinunter, wo die Häuser wie Streichholzschachteln aussahen, und der Bach, der sich dort unten durch die Felder schlängelte, sah aus wie eine silberne Schlange. Sie fanden es beide idyllisch, sie beide ganz allein hier oben. Niemand störte sie. Christian schaute Alexandra in die Augen. "Bist du glücklich", fragte er sie leise. "Wenn du bei mir bist, immer, mein Christian."
Sie küßten sich und sagten sich zärtliche Worte. Als die Sonne schon völlig untergegangen war, traten sie ihren Heimweg an.

Margarete von Erlenbach hatte es schwer getroffen, als sie Christian mit der hübschen Magd auf der Terrasse des Gasthofs angetroffen hatte. Sie nahm sich vor, niemals aufzugeben. Sie liebte ihn. Sie würde um ihn kämpfen. Sie würde ihn niemals dieser raffinierten kleinen Person überlassen.

Es war zwei Tage später, als sich Werner von Erlenbach auf den Weg zum Waldhofbauern machte. Beide Gutsbesitzer waren so gut wie befreundet und hatten auch oft miteinander zu tun.
Diesmal hatte der Erlenbacher etwas sehr wichtiges mit dem Waldhofbauern zu besprechen. Zuerst sprachen sie über Begebenheiten aus dem Dorf, und dann kamen sie auf ihre Kinder zu sprechen. "Ach ja", sagte Herr von Erlenbach, "ich traf Christian am Sonntag drüben im Gasthof auf der Terrasse. Er war in Begleitung dieser hübschen Magd, die auf eurem Hof arbeitet." Der Waldhofbauer stutze, aber er reagierte schnell. "Ich weiß Erlenbacher, der Christian scheint der Kleinen Flausen in den Kopf gesetzt zu haben, und er scheint nicht zu wissen, was er damit anrichtet. Was soll ich aber tun? Wenn ich davon anfange weicht er mir aus."
"Verheirate ihn einfach. Das ist das beste Heilmittel, für eine übermütiges Temperament." Der Waldhofbauer sah den anderen lange an, "ja, das ist mir auch schon in den Sinn gekommen, ich wüßte auch schon, wer mir als Schwiegertochter willkommen wäre", er zwinkerte dabei seinem Gegenüber zu. "Du denkst wohl an meine Tochter, oder?"
"Eben die meine ich, sie ist ein Mädchen nach meinem Geschmack, und die wird den Christian schon glücklich machen. Man müßte nur dafür sorgen, daß die jungen Leute sich öfters sehen. Wie wäre es, wenn ihr am Sonntag einen Besuch bei uns machen würdet. Sagen wir zum Nachmittagskaffee."
"Mir soll es recht sein Waldhofbauer", sagte Herr von Erlenbach. "Glaubst du denn, daß dein Sohn einverstanden ist?"
"Mein Sohn ist ehrlich und brav, und er wird das tun, was ich für richtig halte."
Werner von Erlenbach verabschiedete sich mit einem nochmaligen Versprechen, am Sonntag mit seiner Tochter zum Kaffee zu erscheinen.

... UND DIE LIEBE HÖRTE NIEMALS AUF


Luzie Kurdi

Ländliche Idylle und heile Welt in diesem Roman verdienen das Prädikat: "Rocktext" - total abgefahren anders.

Taschenbuch, 150 Seiten
Art Direction: Hans Louis Vogel

1. Auflage 1997
©Artenic Verlag, Kassel 1997 (vorher Typote xt)
ISBN 978-3-932817-00-7

€ 8,69 (inkl. MwSt.)

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