Lesprobe:
Begleitet von ihren englischen und deutschen Kolleginnen stand sie dann in Guildford am Bahnhof und wartete auf den Zug nach London. Einer nach der anderen umarmte sie und und alle weinten, als wenn sie auf einer Beerdigung wären. Dicke Tränen rollten über Annes Gesicht, als sie endlich in den Zug stieg und er sich in Bewegung setzte. Völlig in Tränen aufgelöst saß Anne danach in ihrem Abteil und weinte um ihre verlorene zweite Heimat, die sie einfach für irgendeinen unsicheren fernen Ort aufgegeben hatte. Ob sie je wieder an dieses schöne Fleckchen Erde zurückkommen würde? Draußen regnete es in Strömen und das Wasser lief am Fenster herunter, was ihren Abschiedsschmerz noch verschlimmerte. In ihr und um sie herum sah alles trostlos aus. Hätte sie diese fehlende Reiselust mitsamt dem Abschiedsschmerz nur als Warnung hingenommen, aber nichts dergleichen geschah. Der Zug tuckerte weiter in die Welt hinaus, bald würde er England hinter sich gelassen haben, und tatsächlich, schon hatten sie die französische Grenze erreicht, und dann schien aufeinmal die Sonne in ihr Abteil und Anne schüttelte ihre Traurigkeit ab. So wie sie damals im Zug nach Holland gesessen hatte und ihre Abenteuerlust erwacht war, so war es auch jetzt wieder. Sie saß in ihrer sonnenüberfluteten Ecke und träumte von einer fernen Zukunft, die es wahrscheinlich gar nicht geben würde. Sie hatte so viel Zeit zum Träumen, dass sie mal wieder alles um sich herum vergessen hatte, bis plötzlich ausgerufen wurde: »Marseille«. Sie stand auf, eilte aus dem Zug und holte sich ihr Gepäck ab, rief ein Taxi und ließ sich zu dem vorgegebenen Hotel fahren. Anne versuchte sich zurecht zu finden. Sie sprach kein Wort Französisch und die Angestellten im Hotel sprachen fast kein Englisch, doch irgendwie kam sie zurecht. Drei Tage hatte sie Zeit, bis ihr Schiff nach Beirut im Libanon auslief. Die drei Tage vergingen langsam und sie langweilte sich zu Tode. Sie wagte sich nicht vom Hotel weg, weil sie Angst hatte, nicht wieder zurück zu finden. Und so war es auch am dritten Tag geschehen, dass sie sich verlaufen hatte und stundenlang umher irrte, bis sie mit Hilfe eines jungen Mädchens, das ein wenig Englisch sprach, wieder zurückfand. Am vierten Tag ihres Aufenthaltes in Marseille ging sie an Bord eines großen griechischen Schiffes, das sie nach Beirut bringen würde. So war sie 12 Tage auf dem Mittelmeer unterwegs, und diese Reise war so einmalig schön, dass sie ihr Leben lang mit Freude daran zurück denken würde.
Es war Mitte August und sehr, sehr heiß. Die ganze Gesellschaft auf dem Schiff war wie eine große Familie und Anne hatte das Gefühl, als würde sie alle schon immer kennen. Die meisten waren reiche Kaufleute und reisten erster Klasse, aber ständig hielten sie sich in der zweiten Klasse auf. Sie brachten Anne Süßigkeiten und exotische Früchte und abends führten sie sie zur Tanzbar, wo eine Bordkapelle zum Tanz aufspielte. Zwei junge Ägypter rangen um ihre Gunst. Alle beide wollten ständig mit ihr tanzen. Zwischendurch saßen sie zusammen an der Bar und tranken griechischen Wein, so dass sie leicht angesäuselt waren und sehr viel lachten. Am Tag war es sehr heiß und sie lagen die meiste Zeit an Deck im Liegestuhl, wo meistens ein kühles Lüftchen wehte. Das Schiff schaukelte durch das Mittelmeer, über ihnen der blaue Himmel. Anne fühlte sich frei wie ein Vogel und sie überlegte, ob sie wohl jemals wieder in ihrem Leben ein solches Gefühl der Freiheit erleben würde.
Die beiden Ägypter waren immer um sie herum, und Anne mußte ständig aufpassen, dass sie keinem von beiden den Vorzug geben würde, um ihnen nicht weh zu tun. Irgendwie schmeichelte es ihr, dass die beiden und auch noch andere ihr so viel Aufmerksamkeit entgegenbrachten. Welcher Frau würde das wohl nicht gefallen? Die meisten Passagiere waren Südländer, und Anne als einzige Europäerin war blond und bildete eine Ausnahme, was diesen dunkelhäutigen Männern scheinbar sehr reizvoll erschien.
Das Schiff passierte viele Mittelmeerhäfen, an denen es anlegte, um einige Passagiere zu verabschieden und neue aufzunehmen. So geschah es in Genua, Sardinien und Cypern, wo das Schiff gar nicht an Land fahren konnte, weil das Wasser zu flach war. Die Gäste mußten mit Booten an Land gebracht werden. In Alexandria machten sie auch noch Halt, und sie machten einen Abstecher durch den Suezkanal, der gar nicht auf der geraden Reiseroute lag. Immer wenn es Nacht wurde, blieb das Schiff in einem der genannten Häfen liegen und die meisten Passagiere gingen von Bord, um sich zu vergnügen. Anne hakte sich bei ihren beiden Begleitern ein, und mit ihnen besuchte sie die aufregendsten Lokale. Sie saßen dann in Straßencafes und lauschten den melancholischen Klängen der Südländer, die auf ihren Gitarren und Mandolinen die wundersamsten Melodien spielten. Es war fremdartig und geheimnisvoll und Anne fühlte, wie diese Klänge in ihr Herz strömten und sie verzauberten. Sie saß unter Menschen, wie sie noch keine erlebt hatte. Noch lange mußte sie an dieses exotische Ereignis denken. Ihr abenteuerliches Wesen kam so schnell nicht davon los.
Frühmorgens mußten alle wieder an Bord sein und die Reise wurde fortgesetzt. Doch langsam ging diese wunderschöne Schiffsreise ihrem Ende entgegen, das Ziel ihrer Reise rückte immer näher. Fast hatte sie vergessen, warum sie überhaupt auf diesem Schiff war. Es kam ihr vor, als sei sie auf einer Ferienreise, auf einem Luxusdampfer. Zwölf Tage genoß Anne diese herrliche Zeit, und nachts, wenn sie in ihrer Kajüte lag, schlich Wehmut in ihr Herz. Ob sie wohl irgendwann noch einmal so verwöhnt werden würde?
Als das Schiff am Morgen des zwölften Tages im Hafen von Beirut anlegte, fühlte Anne geradezu den Abschiedsschmerz in ihrer Brust. Irgendein schwerer Druck war darin zu spüren. Mußte sie ihr Leben lang immer Abschied nehmen von Menschen, die sie lieb gewonnen hatte? Jeder Abschied hinterließ in ihr ein Gefühl, das sie nicht zu beschreiben wußte. Auch diesmal war es besonders traurig. Alle nahmen sich gegenseitig in die Arme und wünschten sich ein Lebewohl. Als sie das Schiff verließen, hatten fast alle Tränen in den Augen. Die beiden Ägypter dachten gar nicht daran sich zu verabschieden. Sie waren in Alexandria nicht an Land gegangen. Wie selbstverständlich liefen sie neben Anne her. Sie blieben ein klein wenig hinter ihr, weil sie dachten, dass Helmi da sei, aber als Anne sich nach allen Seiten umsah, konnte sie ihn nirgendwo sehen. »Komm«, sagte der eine junge Mann, »da drüben ist ein Straßencafe, da setzen wir uns hin und warten, bis er kommt. Vielleicht ist etwas dazwischengekommen.« »Na gut«, sagte Anne, »aber es ist seltsam, wo er doch genau weiß, wann ich komme.« Alle drei saßen eine Stunde, dann zwei und dann war es Mittag geworden und eine glühende Sonne strahlte von einem wolkenlosen Himmel auf sie nieder. Anne geriet fast in Panik, wo blieb nur Helmi? Die beiden neben ihr versuchten sie aufzuheitern: »Reg dich bitte nicht auf«, sagte der eine, »er kommt bestimmt noch. Die meisten Südländer nehmen es mit der Zeit nicht so genau.« Anne konnte es nicht glauben, was der da sagte, vielleicht war das wirklich so, aber heute und hier war es etwas anderes. Schließlich war das Schiff pünktlich im Hafen eingelaufen und Helmi wußte wann sie ankam, deshalb fand sie es unverantwortlich, dass er nicht zur Stelle war. Da saß sie nun nach einer zwölftägigen Schiffsreise in einem fremden Land und wußte nicht wie es weitergehen sollte. Ein Taxifahrer, der die ganze Szene beobachtet hatte, bot sich an sie nach Amman zu fahren: »Wenn du da mitfährst, begleite ich dich«, sagte der eine Ägypter, »du weißt nämlich nicht, wie gefährlich das ist.« »Ich fahre nicht mit«, sagte Anne, »ich wüßte gar nicht wohin ich fahren sollte, ich habe nämlich keine Adresse von Helmi, außer der von seinem Regiment, und das liegt in Palästina.« Einer der beiden sagte: »Wenn er nicht kommt, nehmen wir dich mit nach Kairo, dort kannst du dir überlegen, was du tun willst.« Das wollte Anne auf gar keinen Fall. Sie waren zwar beide sehr nett, aber sie wußte nicht, ob sie ihnen hundertprozentig vertrauen konnte. Vielleicht waren sie irgendwelche Gauner oder Hochstapler, die ihr Unwesen trieben. Ihre lebhafte Fantasie gaukelte ihr Dinge vor, die ihr selbst absurd erschienen. Beide sahen, dass in Annes Kopf etwas vorging und fragten: »Woran denkst du, hast du es dir überlegt?«
»Ach nein, ich werde noch warten, er muß doch irgendwann kommen.« Als sie zur Seite schaute, sah sie ihn plötzlich daherkommen, er sah sehr aufgeregt aus und schaute sich nach allen Seiten um, bis er sie erblickt hatte: »Hallo«, sagte er, zog sie vom Sitz hoch und nahm sie in die Arme und drückte sie an sich, dabei sagte er: »Entschuldige bitte, dass ich jetzt erst komme, wie lange seid ihr schon hier?«
»Schon fast drei Stunden, das weißt du doch!«
»Es tut mir so leid«, sagte er abermals, »aber ich war gestern schon hier im Hotel. Gestern Abend habe ich dem Portier gesagt, er solle mich früh wecken, aber er hat es vergessen, und so habe ich furchtbar verschlafen.« Immer wieder entschuldigte er sich. Als er sich umdrehte, sah er die beiden jungen Männer stehen, die ihn gespannt beobachteten. Etwas mißtrauisch sah Helmi von einem zum anderen. Anne stellte die beiden vor: »Das sind Farouk und Adnan. Ohne sie wäre ich hier in einer schlimmen Lage gewesen.« Er blickte zwar sehr schuldbewußt drein, aber er traute den beiden trotzdem nicht. Damals bekam Anne schon einen Vorgeschmack auf die Zuverlässigkeit ihres zukünftigen Mannes. Später mußte sie noch oft an diesen Tag denken, denn er war ein Morgenmuffel, wie er im Buche steht. Er wachte nie auf, ohne geweckt zu werden.
Da er nun endlich da war, ging alles sehr schnell. Er lief los, um ein Taxi zu holen. Währenddessen wandte sich Anne ihren beiden Begleitern zu. Wie sollte sie ihnen danken, sie hatten soviel für sie getan, sie hatten sie nicht allein gelassen, als sie jemand gebraucht hatte. Sie reichte jedem von ihnen eine Hand. Mit Tränen in den Augen sagte sie: »Vielen herzlichen Dank für alles.« Sie ließ ihre Hände los und wandte sich zu Helmi, der versuchte Annes Gepäck in ein Taxi zu verstauen. Die beiden jungen Männer würdigte er keines Blickes mehr. Als sie endlich losfuhren, schaute Anne noch einmal zurück und sah die beiden da stehen, ganz verloren schauten sie dem Wagen nach, bis er außer Sichtweite war.

SONNENAUFGANG ÜBER DER WÜSTE


Ein Roman, den das Leben schrieb.

Luzie Kurdi

Dieser spannende Roman basiert ausschließlich auf wahren Erlebnissen.

Taschenbuch, 200 Seiten

2. Auflage 2000
© Artenic Verlag, Kassel 1999
ISBN 978-3-932817-01-4

€ 8,59 (inkl. MwSt.)

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